Unsere Inhouse-Designerin Becky Baker im Interview

Unsere Inhouse-Designerin Becky Baker im Interview

Wir freuen uns riesig, unsere langjährige Design-Managerin Becky nun auch als unsere Inhouse-Strickdesignerin gewonnen zu haben! Viele von euch kennen sie sicher schon, auch von den Designs, die sie bisher hinter den Kulissen begleitet hat – ab jetzt entwirft sie alle Modelle für unsere Kollektionen selbst. In diesem Interview erzählt Becky von ihrem Weg zum Stricken, davon, was sie inspiriert, und warum die Arbeit mit unseren Garnen für sie etwas ganz Besonderes ist.

Becky, magst du dich kurz vorstellen – wer bist du, wo lebst du und was hat dich ursprünglich zum Stricken gebracht?

Ich bin Becky und lebe derzeit mit meinem Mann und meiner Tochter in Zentralschottland. Ich bin in Schottland aufgewachsen und wurde schon früh von meiner Großmutter und meinen Großtanten, die alle sehr erfahrene und geschickte Strickerinnen waren, ins Handstricken eingeführt. Seitdem ist Stricken ein Teil meines Lebens und hat mich ganz natürlich dazu gebracht, Modedesign für Strickwaren und Stricktextilien an der Nottingham Trent University zu studieren. 

Ich habe in vielen Bereichen der Strickwarenindustrie gearbeitet, darunter High-End-Mode, kleine Designberatungsfirmen, konventionelles und traditionelles Strickdesign. Zu meinen Erfahrungen zählen Tätigkeiten bei Hugo Boss, Eribe Knitwear, Sophie Steller Knitwear Studio, SPINEXPO, Debenhams, The Fibre Co. und jetzt bei Rosy Green Wool. Diese vielfältigen Aufgaben haben mir ein breites Spektrum an Fähigkeiten und ein tiefes Verständnis der Branche vermittelt.

Erinnerst du dich an dein allererstes selbst gestricktes Teil? Was war das – und gibt es vielleicht eine kleine Geschichte dazu?

Ja, das tue ich! Meine Großtante hat mir das Stricken beigebracht, als ich noch sehr jung war, und sie hat mir mithilfe einer Pappröhre in großem Maßstab gezeigt, wie das Garn dabei in sich verflochten wird. Mein allererstes Strickstück war eine kleine rosa Schürze für meine Spielzeug-Bärin, die leider keine Kleidung hatte. Sie war voller Löcher und völlig schief, aber zumindest hatte meine Bärin etwas, das sie warmhielt! Später, in der Grundschule, hatte ich auch Stricken im Unterricht. Die ganze Klasse hat Teddybären gestrickt. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und meine Liebe zur Handarbeit noch verstärkt. 

Was bedeutet Stricken heute für dich: Handwerk, Ausdruck, Entspannung – oder alles zusammen?

Stricken ist meine Leidenschaft und bedeutet nach wie vor all das für mich. Im Kern ist es ein Handwerk mit einem tiefen Sinn für Tradition und Können, und ich habe großen Respekt vor diesem Erbe. Gleichzeitig ist es eine kraftvolle Form des Selbstausdrucks, bei der Design, Struktur und Garn zusammenkommen. Selbst nach vielen Jahren in der Branche bietet mir das Stricken immer noch Momente der Ruhe und Konzentration, die ich als unglaublich erdend empfinde. Es ist eine Tätigkeit, die mich kreativ herausfordert und mir gleichzeitig Ausgeglichenheit schenkt. Dabei bin ich immer bestrebt, die traditionellen Aspekte des Handwerks mit moderner Innovation zu verbinden. 

Wie kam es dazu, dass du bei Rosy Green Wool angefangen hast, und wann war das?

Ich kam durch meine Tätigkeit bei The Fibre Co. zu Rosy Green Wool. Im Jahr 2019 erwähnte die Gründerin Daphne, dass sie mich gerne Patrick und Rosy vorstellen würde, da sie auf der Suche nach jemandem fürs Design Management waren, der ihnen beim Aufbau einer hauseigenen Kollektion helfen sollte. Das passte sowohl zu meinem Hintergrund als auch zu meinen Werten und war eine spannende Gelegenheit, etwas von Grund auf mitzugestalten. 

Es war wunderbar, von Anfang an eng mit Rosy zusammenzuarbeiten und die Kollektionen genau so zu gestalten, wie sie sie sich für die Marke vorgestellt hatte. Nun möchte ich diese Arbeit fortsetzen und hoffe, weiterhin Kollektionen zu entwickeln, die die Philosophie der Marke und auch meine eigene Designsprache widerspiegeln und dabei die Qualität und Nachhaltigkeit der schönen Garne, die wir machen, würdigen.

Du hast lange für uns externe Designerinnen bei der Entwicklung unserer Modelle begleitet. Was bedeutet es für dich persönlich, jetzt als Inhouse-Strickdesignerin alle Designs selbst zu entwerfen?

Das Entwerfen der kompletten Kollektion inhouse fühlt sich für mich wie eine ganz natürliche und sinnvolle Weiterentwicklung an. Nachdem wir lange Zeit externe Designerinnen angeleitet und unterstützt haben, haben wir ein tiefes Verständnis für die Werte, Materialien und Ästhetik der Marke entwickelt. Durch die Verlagerung des gesamten Designprozesses ins eigene Haus kann ich diese Vision noch kohärenter und zielgerichteter umsetzen. 

Auf persönlicher Ebene ist es unglaublich bereichernd, an jeder Phase der Entwicklung beteiligt zu sein – vom ersten Konzept bis zum fertigen Kleidungsstück. Dadurch entsteht eine stärkere Verbindung zwischen Design, Garnauswahl und Konstruktion, was zu noch durchdachteren, konsistenten Kollektionen führt. Außerdem können wir so agiler und experimentierfreudiger sein und unseren Vorstellungen als Marke besser gerecht werden. Das finde ich sowohl kreativ erfüllend als auch spannend.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus – und wie erlebst du den kreativen Austausch und die Zusammenarbeit im Team?

Ein typischer Arbeitstag beginnt in der Regel mit E-Mails und allgemeinen Verwaltungsaufgaben, um sicherzustellen, dass alles nach Plan läuft. Wenn ich an einer neuen Kollektion arbeite, können meine Tage je nach Entwicklungsstand der einzelnen Designs sehr unterschiedlich sein. An manchen Tagen konzentriere ich mich auf die Designentwicklung – ich skizziere Ideen, stricke Muster, erstelle Farbdiagramme oder sammle Recherchen und Inspirationen. Zu anderen Zeiten, wenn ein Design bereits weiter in seiner Entwicklung ist, schreibe ich an der Strickanleitung und gradiere sie. 

Normalerweise arbeite ich an mehreren Designs gleichzeitig, alle sorgfältig geplant , sodass verschiedene Phasen parallel ablaufen können. Während sich ein Design in der Musterstrickphase befindet, durchläuft ein anderes möglicherweise das Tech Editing, wodurch Zeit für die Entwicklung des nächsten Designs frei wird. Dieser strukturierte Ansatz trägt dazu bei, den Arbeitsablauf effizient und gleichzeitig kreativ zu gestalten.

Woher nimmst du deine Inspiration: aus der Natur, Architektur, Mode oder ganz anderen Bereichen?

Das hängt sehr von den Vorgaben ab. Mein Strickstil ist ziemlich gemischt und vielseitig, daher beschränke ich mich nicht auf eine einzige Inspirationsquelle. Ich habe zwar Lieblingsmotive und -techniken, aber ich würde mich selbst als ziemlich vielseitig bezeichnen und habe Spaß daran, kreativ auf die Anforderungen jedes einzelnen Projekts einzugehen. Inspiration kann dann aus vielen Bereichen kommen, sei es Farbe, Struktur oder die technische Herausforderung hinter einem Entwurf. 

Besonders gerne arbeite ich an Intarsien- und Colourwork-Projekten. Es ist sehr befriedigend, die Strickschriften zu entwerfen und zu planen und dann zu sehen, wie das Muster oder Bild auf den Nadeln zum Leben erwacht. Derzeit arbeite ich an einem Colourwork-Pullover für die kommende Kollektion, auf den ich mich besonders freue.

Gibt es ein Detail, auf das du bei deinen Designs ganz besonders viel Wert legst? 

Ich beginne mit dem Entwerfen oft direkt auf den Stricknadeln, ausgehend vom Garn selbst. Normalerweise habe ich eine erste Idee im Kopf, stricke dann Probestücke und lasse das Design von dort aus ganz natürlich entstehen. Das Garn spielt dabei eine zentrale Rolle, denn wenn ich weiß, wie es sich verhält, kann ich besser bestimmen, welche Form, Struktur und Textur ich damit erschaffen kann. 

Bei Rosy Green Wool lege ich besonderen Wert auf eine saubere, gut durchdachte Vollendung. Ich verbringe viel Zeit damit, Details wie Kanten, sei es Seitenkanten, Anschläge und Abkettkanten, zu testen und zu entwickeln, da diese kleinen Elemente einen großen Einfluss auf die Gesamtqualität und Langlebigkeit eines Kleidungsstücks haben. 

Was macht für dich ein gutes Strickdesign aus – jenseits von kurzlebigen Trends?

Für mich ist ein gutes Strickdesign etwas, das zu einem festen Bestandteil der Garderobe wird. Es muss ein Kleidungsstück sein, das Strickerinnen immer wieder gerne tragen oder gerne für einen geliebten Menschen stricken. Zeitlosigkeit, Komfort und Tragbarkeit sind genauso wichtig wie Ästhetik, ebenso eine durchdachte Konstruktion, die den Test der Zeit besteht, anstatt kurzlebigen Trends zu folgen. 

Was macht die Strickdesigns von Rosy Green Wool aus deiner Sicht besonders oder unverwechselbar? 

Die Designs von Rosy Green Wool zeichnen sich durch eine enge Verbindung von Garn, Design und Markenwerten aus. Der Fokus auf natürliche Fasern, ethische Produktion und Nachhaltigkeit verleiht den Kollektionen eine klare Identität. Die Designs sind zurückhaltend und dennoch raffiniert, mit viel Liebe zum Detail, zu Proportionen und Texturen, wodurch die Eigenschaften des Garns voll zur Geltung kommen. Die Designs strahlen Ruhe, Langlebigkeit und Ehrlichkeit aus, wodurch sie sofort wiedererkennbar sind. 

Was zeichnet unsere Anleitungen aus, und worauf achtest du bei ihrer Ausarbeitung besonders?

Klare, gut strukturierte Anweisungen sind unerlässlich. Ich lege Wert darauf, dass meine Anleitungen logisch, präzise und leicht verständlich sind, und vermeide unnötige Abkürzungen oder Kurzformen. Wo es sinnvoll ist, füge ich zusätzliche Anmerkungen oder Tutorials hinzu, damit Strickerinnen die Konstruktion und die verwendeten Techniken vollständig verstehen. 

Besonderes Augenmerk lege ich auf die Details der Fertigstellung sowie auf gründliche Tests mit dem wunderbaren Team von Teststrickerinnen, das wir im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Das Ziel ist es, Anleitungen zu erstellen, denen man vertrauen kann und die den Strickerinnen vom Anschlagen bis zum Abketten Sicherheit geben.

Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Materialqualität in deinem Designprozess?

Durch die Verwendung hochwertiger, nachhaltig hergestellter Garne kann ich Kleidungsstücke entwerfen, die nicht nur schön, sondern auch strapazierfähig, tragbar und zeitlos sind. Nachhaltigkeit beeinflusst auch meine Art zu entwerfen. Ich möchte Stücke kreieren, die Menschen gerne stricken und viele Jahre lang tragen möchten, mit durchdachter Konstruktion, klaren Anleitungen und gut verarbeiteten Details. Indem ich mit Bedacht und Respekt für die Materialien designe, können wir meiner Meinung nach einen entschleunigten, bewussteren Ansatz beim Stricken fördern, der sich sehr mit den Werten von Rosy Green Wool deckt.

Was unterscheidet das Designen mit Rosy Green Wool von anderen Marken, für die du gearbeitet hast?

Das Designen für Rosy Green Wool ist anders, weil die Kundschaft eine klare Vorliebe für moderne, stilvolle Strickstücke hat, gepaart mit hochwertigem Garn und durchdachtem Design. Diese Erwartungshaltung fließt immer in meine Arbeit ein. Jede Entscheidung – von der Auswahl des Garns und der Textur bis hin zu Konstruktion und Finish – muss ein Gleichgewicht zwischen Praktikabilität, Zeitlosigkeit und Eleganz finden. Im Gegensatz zu einigen anderen Marken, bei denen Trends oder Schnelligkeit im Vordergrund stehen, liegt hier der Fokus darauf, Stücke zu kreieren, die Strickerinnen schätzen, oft tragen und mit Stolz stricken. Diese Betonung von Qualität, Nachhaltigkeit und Langlebigkeit macht den Designprozess sowohl herausfordernd als auch äußerst bereichernd.

Gibt es Momente im Designprozess, die dich besonders herausfordern – oder im Gegenteil besonders glücklich machen?

Ich finde Orientierung immer wieder herausfordernd – links oder rechts, und wie ein Teil beim Stricken liegt im Vergleich zum Tragen. Selbst nach jahrelanger Erfahrung bin ich manchmal noch verwirrt, sodass ich alles doppelt und dreifach überprüfen muss. Die Stricknadeln vor mir zu haben, um schnell etwas anzuschlagen und auszuprobieren, ist dann immer meine Rettung.

Was die Freude angeht, gibt es nichts Schöneres, als zu sehen, wie Skizzen und Maschenproben als fertige Musterstücke zum Leben erweckt werden, die man tatsächlich tragen kann. Diese Verwandlung – von einer Idee zu einem greifbaren, tragbaren Objekt – ist unglaublich befriedigend.

Welches der bisherigen Designs für Rosy Green Wool liegt dir besonders am Herzen, und warum?

Da würde ich mich für Festa entscheiden, mein allererstes Design für Rosy Green Wool. Meine Tochter war damals erst ein paar Monate alt, daher war es eine echte Herausforderung, Zeit zum Stricken zu finden – aber ich habe es geschafft. Besonders liebe ich den Schalkragen und die integrierten Taschen, die sowohl stilvoll als auch praktisch sind. Dieses Design hat für mich eine ganz persönliche Bedeutung.

Du bist nun schon lange Teil des Teams: Wie haben sich unsere Designs und Kollektionen aus deiner Sicht über die Jahre entwickelt?

Mit jeder Saison haben wir unser Repertoire erweitert und bieten so eine immer größere Auswahl an Kleidungsstücken und Accessoires, wobei wir den Werten der Marke treu geblieben sind. In dieser Saison stellen wir etwas völlig Neues und sehr Aufregendes vor, das auf dieser Entwicklung aufbaut  - und weiterhin die Balance zwischen zeitlosem Design und frischer Innovation fördert.

Was wünschst du dir, dass Menschen fühlen, wenn sie ein Design aus unseren Garnen tragen?

Ich hoffe, dass sie ein Gefühl von Komfort, Selbstvertrauen und Freude verspüren. Ich möchte, dass die Stücke etwas sind, nach dem die Menschen immer wieder greifen – sei es ein Pullover, der zu einem Lieblingsstück im Kleiderschrank wird, oder ein Schal, der für einen geliebten Menschen gestrickt wurde. Die Kombination aus schönem, hochwertigem Garn und durchdachtem Design soll den Strickprozess angenehm machen und das fertige Kleidungsstück zu etwas werden lassen, das die Person, die es trägt, wirklich begeistert.

Worauf freust du dich in deiner neuen Rolle bei Rosy Green Wool am meisten?

Ich wollte schon mein Leben lang als In-House-Designerin arbeiten, daher ist die Möglichkeit, meine eigene Kollektion zu entwerfen, für mich ein wahr gewordener Traum. Ich freue mich darauf, jeden Schritt des Designprozesses zu begleiten, von den ersten Skizzen und Maschenproben bis hin zu den fertigen Kleidungsstücken, und neue Wege zu erkunden, um traditionelle Handwerkskunst mit moderner Innovation zu verbinden.

Gibt es Strickträume oder Designideen, die du hier gerne verwirklichen möchtest?

Auf jeden Fall – ich freue mich darauf, weiter mit Farbkompositionen und innovativen Texturen zu experimentieren und gleichzeitig funktionale, tragbare Designs zu entwerfen, die sowohl frisch als auch zeitlos wirken. Ich stelle mich auch gerne neuen Herausforderungen, indem ich Formen und Stile ausprobiere, die ich noch nie zuvor gemacht habe. So kann ich neue Fähigkeiten erlernen und meine Techniken kontinuierlich verfeinern. Es ist eine seltene Gelegenheit, mit so schönen Materialien zu arbeiten und gleichzeitig die kreative Freiheit zu haben, meine eigenen Ideen zum Leben zu erwecken.

Darfst du uns vielleicht schon einen kleinen Ausblick auf die nächste Kollektion geben?

Hier sind einige frühe Skizzen und Musterproben. Ich kann noch nicht alles verraten, aber der Schwerpunkt liegt auf durchdachten Farbkombinationen, verspielten Texturen und Designs, die sowohl beim Stricken als auch beim Tragen Freude bereiten. Ich freue mich schon darauf, bald mehr zu zeigen!

Und zum Schluss: Was darf auf deinen Nadeln niemals fehlen?

Ich habe nicht oft Gelegenheit, einfach nur zum Vergnügen zu stricken, denn meistens stricke ich für die Arbeit. Aber im Moment wünscht sich meine Tochter einen gelben Schal. Ich hoffe, dass ich ihn bis zum nächsten Winter fertigstellen kann – das ist also definitiv das, was derzeit auf meinen Nadeln liegt!

Herzlichen Dank, Becky, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!