Paul, du warst gerade in Patagonien – einem der abgelegensten Orte der Welt. Was hat dich dazu bewogen, die Schäfer dort persönlich zu besuchen, anstatt einfach per E-Mail oder Videocall in Kontakt zu bleiben?
Zertifikate sind gut, aber ich persönlich trage auch eine Verantwortung. Wenn ich meinen Kund:innen sage, dass es unseren Schafen gut geht, dann möchte ich das schon selbst gesehen haben.
Du bist Argentinier und dort auch aufgewachsen. Macht das deine Verbindung zu Patagonien noch besonderer?
Ich bin in Deutschland geboren und mit einem Jahr nach Argentinien ausgewandert. Mein Vater ist Argentinier, meine Mutter Deutsche. Die Argentinier sind sehr stolz auf Patagonien. Wenn wir an unsere Heimat denken, sehen wir eine freie, nahezu unberührte Natur vor uns. Ich habe meine erste Wolle aus Patagonien buchstäblich im Koffer mitgebracht. Deshalb bin ich besonders stolz darauf, heute hochwertige Merinowolle von dort zu beziehen – und gleichzeitig zum Schutz dieser einzigartigen Umwelt beizutragen.

Warst früher du schon einmal dort? Wie war dein erster Eindruck, als du die Estancias und die Landschaft Patagoniens (wieder) gesehen hast? Hat dich etwas überrascht oder sogar überwältigt?
Ich war zuvor schon im westlichen Teil Patagoniens, wo die Landschaft ganz anders ist. Dieses Mal war ich im Osten – und es war überwältigend, diese riesigen Entfernungen zu sehen. Man erlebt, wie sich die Landschaft langsam verändert, von fruchtbarem, grünem Boden über trockene Flächen mit Bäumen und großen Büschen bis hin zu sehr karger Vegetation mit nur noch kleinen Sträuchern.

Patagonien ist für seine extremen Wetterbedingungen bekannt. Was bedeutet das für die Farmen?
Patagonien ist sehr kalt und vor allem extrem windig. Dort zu leben ist eine echte Herausforderung. Für die Schafe hingegen ist es ein ideales Klima. Sie sind durch ihre Wolle geschützt und werden im Frühling/Sommer geschoren. Bis zum Herbst ist das Vlies wieder nachgewachsen und schützt sie erneut.
Wer sind die Menschen, die du besucht hast? Kannst du uns eine Familie oder eine Person vorstellen, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Wir haben zuerst die Tierärztin Verónica besucht. Sie arbeitet vor Ort an den Biozertifizierungen, kontrolliert die Farmen und gibt Schulungen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch die Familie der Estancia San Jorge. Sie sind sehr stolz auf ihre Arbeit und leisten sie mit viel Hingabe.

Wie sieht der Alltag eines patagonischen Schäfers aus? Wie können wir uns das Leben der Farmer dort vorstellen?
Die Schafe sind auf riesigen Flächen verteilt – etwa fünf Hektar pro Tier. Eine Estancia kann schon mal bis zu 15.000 Hektar umfassen. So eine Fläche wird nicht täglich komplett abgefahren, sondern nach und nach kontrolliert. Die Schäfer überprüfen die Zäune, achten auf die Gesundheit der Tiere und beobachten, ob Pumas in der Gegend sind. Die Pumas wandern, und die Nachbarn stehen im stetigen Austausch, um die Herden bestmöglich zu schützen. Die intensivste Zeit ist das späte Frühjahr und der Sommer, wenn die Tiere gesammelt und geschoren werden.

Schafzucht in Patagonien ist oft ein Generationenberuf. Welche Rolle spielt das Handwerk und das tradierte Wissen in den Familien, die du getroffen hast?
Heute wird teilweise moderne Technologie eingesetzt, und das Scheren übernehmen oft externe Dienstleister. Was jedoch nicht ausgelagert werden kann, ist das Wissen über die Wollqualität und die Zucht. Bestimmte Merkmale der Schafe, wie Muttermale, können zum Beispiel die Farbe der Wolle beeinflussen. Diese Tiere werden gezielt getrennt gehalten, wie auch Tiere mit zu grober Wolle, um die Qualität langfristig zu sichern.

Faire Produktion ist dir als GOTS-zertifiziertem Hersteller besonders wichtig. Wie stellst du sicher, dass die Zusammenarbeit mit den Schäfern wirklich fair und auf Augenhöhe stattfindet?
Das wird einerseits durch die Zertifizierungen gewährleistet. Gleichzeitig haben die Farmer aber auch direkten Kontakt zu mir. Sollte es Probleme geben, werde ich informiert und kann direkt reagieren.
Was macht patagonische Wolle aus deiner Sicht so besonders – sowohl in ihrer Qualität als auch in der Art, wie sie gewonnen wird?
Vor allem das Klima und die natürliche Nahrung. Diese Kombination sorgt für eine außergewöhnlich hochwertige Faser.

Beim GOTS-Standard geht es nicht nur um das Endprodukt, sondern um die gesamte Lieferkette. Welche Aspekte der Tierhaltung vor Ort haben dich in Bezug auf Tierwohl und Nachhaltigkeit beeindruckt?
Die Weitläufigkeit der Flächen und die natürliche Haltung der Tiere. Die Schafe leben quasi frei und unter Bedingungen, die ihrem natürlichen Verhalten entsprechen.
Hast du bei deiner Reise auch Herausforderungen oder Verbesserungspotenzial entdeckt – Dinge, die du gemeinsam mit den Schäfern langfristig angehen möchtest?
Ja. Die Farmer verdienen oft nicht viel für die harte Arbeit, die sie leisten. Gleichzeitig sind die Kosten für Zertifizierungen sehr hoch. Ich denke, dass diese Kosten stärker von den Rohwollhändlern und Marken wie uns getragen werden sollten, um die Farmer zu entlasten.
Viele unserer Kundinnen stricken mit einer tiefen Leidenschaft und achten bewusst darauf, woher ihr Garn kommt. Was würdest du ihnen direkt ausrichten, wenn sie unsere Wolle in den Händen halten?
Sie sollen sicher sein, dass wir unser Bestes tun. Wenn sie mit unserem Garn stricken oder häkeln, halten sie ein echtes Stück Patagonien in den Händen – mit Geschichte, Herkunft und viel Hingabe produziert.
Gibt es einen Moment auf dieser Reise, der dich persönlich bewegt oder verändert hat?
Ja – wie bei vielen Reisen: Gemeinsam mit Farmern und Partnern am Tisch zu sitzen, zu essen und ein Glas Wein zu trinken. In solchen Momenten merkt man: Wir sind alle gleich.

Hast du etwas von den Schäfern gelernt – über Wolle, über Arbeit oder übers Leben –, das du so nicht erwartet hättest?
Man würde denken, jemand mit 15.000 Hektar Land ist wohlhabend. In Wirklichkeit arbeiten diese Menschen extrem hart, um über die Runden zu kommen.
So eine Reise kostet Zeit, Geld und Energie – und dennoch machst du sie. Was gibt dir diese direkte Verbindung zu den Ursprüngen deiner Wolle persönlich und als Unternehmer zurück?
Ich habe in meinem Leben am meisten durch Reisen und Gespräche auf Augenhöhe gelernt. Diese Erfahrungen gebe ich gerne an mein Team, meine Familie und unsere Kund:innen weiter.
Für alle, die sich inspirieren lassen möchten: Was würdest du jemandem raten, der Patagonien selbst einmal erleben möchte – und warum lohnt sich der weite Weg?
Patagonien ist anders. Schwer zu beschreiben – man muss es einfach erleben.
Der weite Weg lohnt sich auf jeden Fall!


